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aus:

Matthias Kneip, Polenreise. Orte, die ein Land erzählen



Verlag House of the Poets, Paderborn 2007, EUR 13,90

Warschau
Wo Katzen regieren.
Der Palast für Kultur und Wissenschaft
Als ich den Warschauer Kulturpalast zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre sah, thronte er noch einem König gleich über allen anderen Gebäuden der Stadt. Irgendwie erhaben, stolz und dabei doch wissend, dass sich sowohl an seinen äußeren als auch an seinen inneren Werten die Geister seiner Untertanen schieden. Und dennoch bildete er unbestritten den Mittelpunkt der Stadt, ihre höchste und eindrucksvollste Erhebung. Alle anderen Häuser mit mehreren Stockwerken waren der Bezeichnung Hochhäuser unwürdig angesichts der über 230 Meter Höhendominanz des Kulturpalastes.


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aus:

Matthias Kneip, Grundsteine im Gepäck



Verlag House of the Poets, Paderborn 2002, EUR 12,80

1. Schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Oppeln begebe ich mich zu dem alten Friedhof, um dort zu suchen, was mir seit dem Aufschrei meiner Mutter vor vielen Jahren keine Ruhe mehr gelassen hat: das Grab meiner Urgroßmutter Klara Picke. Obwohl ich es seitdem nicht mehr besucht habe und die oberschlesische Vergangenheit meiner Eltern auch kein Thema mehr zu Hause war, habe ich es in meinem Gedächtnis gepflegt, es als den Ursprung meiner Identität zwischen den Kulturen betrachtet, mich ihm verbunden gefühlt ohne jede Bindung. Nach längerem Suchen finde ich es wieder, unverändert verwahrlost, unter dem traurigen Blick der Jesusfigur ruhend. Auf diesem Friedhof scheint die Uhr nicht zu ticken, der Stein, die Bäume und Sträucher dem Wandel der Zeit nicht zu unterliegen, und die Geschichte einen Bruchteil ihrer Daten zu archivieren, einen Bruchteil ihrer Gestalten zur Ruhe zu legen. Wie auf jedem Friedhof. Nur dass mich ein Bruchteil dieses Bruchteils etwas angeht. Deshalb bin ich hier. Von hier aus will ich losziehen, mir das Land ansehen, seine Leute, seine Städte. Und hierher werde ich die nächsten Jahre immer wieder zurückkehren, als Fixpunkt meiner Pendelbewegung, um Bericht zu erstatten einer fremden Urgroßmutter, die mir nahe steht.

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aus:

Matthias Kneip, zärtlich kriegen



Verlag House of the Poets, Paderborn 2000, EUR 9,40

Zärtlich kriegen

Nebenbei bemerkt es herrscht Krieg
ohne Erklärung
jeder gegen den Rest
man zieht den Hut statt die Waffe
lächelt
reicht die Hand
wenn nötig wirft man Worte ab
kalkuliert
wie damals die Bomben
ferngesteuert in den Herzschlag des Nächsten
es herrscht ein zärtlicher Krieg
ein sanfter
ein Krieg in Handschuhen
auf desinfizierten Schlachtfeldern
alle weißen Fahnen werden entlassen
verurteilt als Kriegsverweigerer
Feiglinge ohne Ellbogen
Auszeichnungen gibt es nicht
gemäß der Parole
kriegt niemand genug

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