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Neues Polenbuch von Matthias Kneip


Warschau
Wo Katzen regieren.
Der Palast für Kultur und Wissenschaft


Als ich den Warschauer Kulturpalast zum ersten Mal Mitte der 80er Jahre sah, thronte er noch einem König gleich über allen anderen Gebäuden der Stadt. Irgendwie erhaben, stolz und dabei doch wissend, dass sich sowohl an seinen äußeren als auch an seinen inneren Werten die Geister seiner Untertanen schieden. Und dennoch bildete er unbestritten den Mittelpunkt der Stadt, ihre höchste und eindrucksvollste Erhebung. Alle anderen Häuser mit mehreren Stockwerken waren der Bezeichnung Hochhäuser unwürdig angesichts der über 230 Meter Höhendominanz des Kulturpalastes.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Und mit ihnen das Stadtbild Warschaus. Der König von einst verschwindet fast in der zunehmend amerikanisierten Skyline der Stadt, wirkt vielmehr wie ein Sonderling vergangener Zeiten zwischen den Spiegelfenstern neuzeitlicher Banken und Bürowolkenkratzer. Fast tut er mir ein wenig leid, der Palast, dessen gewaltiger Mittelturm mit seinen vier Ausläufern einer Rakete gleicht, die geradezu dazu einlädt, auf den Mond geschossen zu werden. Viele Warschauer hätten diesen Knopf sicher auch gerne gedrückt, doch die Rakete erwies sich als zu schwer, zu träge, um abzuheben. Viele erinnert dieses einstige Geschenk Stalins an die Stadt bis heute an längst vergangene und nur allzu gern vergessene Zeiten. Damals, Anfang der 50er Jahre, reiste noch eine Delegation russischer Spezialisten zwei Wochen durch Polen, um das Typische des Landes zu erkunden und sich in dessen Seele einzufühlen. Schließlich sollte das Geschenk die Verbundenheit Russlands mit Polen symbolisieren und russischen Zuckerbäckerstil mit typischen Elementen Polens vereinigen, sozialistisch sein und doch die Volksseele zum Ausdruck bringen. „National in der Form, sozialistisch im Inhalt“, wie Stalin es formulierte, der in dem Kulturpalast ein Forum sah, Kultur und Wissenschaft des Sozialismus zu präsentieren. Doch obwohl der Bau des Palastes nur drei Jahre dauerte, hatte Stalin die Eröffnung im Jahr 1955 nicht mehr erlebt. Er starb zwei Jahre zu früh.

Vor allem den polnischen Elementen widmet die Gästeführerin, die mich durch einige der Innenräume des Palastes begleitet, viel Zeit. Den Kassettendecken, die an den Krakauer Wawel erinnern sollen, den kunstvoll verzierten Holzböden und Treppenaufgängen, die angeblich den Böden polnischer Adelshäuser gleichen, oder den im Renaissancestil gehaltenen Dachverzierungen, zu welchen sich die damalige Delegation von den Krakauer Tuchhallen habe inspirieren lassen.

Und je länger ich durch einen Teil der über 3000 Räume des Palastes wandle, umso facettenreicher tritt mir der Palast entgegen. An dem wegen seines Äußeren oft allzu schnell als kommunistischer Koloss abgeurteilten Bauwerk entdecke ich in seiner Ausgestaltung überraschend eine sensible Seite, ein durchaus liebevoll komponiertes Innenleben, in dem gewaltige Marmorsäle kleinen Wohn- und Sitzungsräumen kunstvoll die Hand reichen. Doch während der monumentale Palast den Touristen den Weg ins Zentrum weist, führt er sie, sobald sie sein Inneres betreten, schon nach wenigen Minuten in ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen gibt. Nach fünf oder sechs Räumen und zahllosen kleinen und großen Türen muss ich mir eingestehen, dass ich verloren bin. Verloren im Bauch des Warschauer Kulturpalastes, dessen Korridore sich wie ein unübersichtliches Darmknäuel vor, hinter, über und unter mir erstrecken. Als ich der Gästeführerin mein Unbehagen mitteile, lacht sie nur beruhigend und sagt, dass es selbst den Mitarbeitern der Verwaltung so gehe. Allerdings sei es nur ein Gerücht, dass man in einem der Räume einst die Skelette verirrter Touristen gefunden habe. Den Tod brachte der Palast vielmehr auf andere Weise, indem die Aussichtsplattform im 30. Stock zu einer Art Kultort für Lebensmüde wurde, ähnlich wie die Golden-Gate-Brücke in San Francisco oder der Eiffelturm in Paris. Selbst ein Liebespärchen sei gesprungen, weil die Eltern gegen die Hochzeit waren. Irgendwann hat man dann ein Schutzgitter installiert, und die Lebensmüden mussten sich andere Wege suchen.

Doch die Fahrt mit dem Aufzug in diese Höhen lohnt sich. Es ist schon dunkel und Warschau liegt mir einem riesigen Lichtermeer gleich zu Füßen. Eine einzigartige Kulisse und der Gedanke, dass hier vor weniger als zwanzig Jahren noch der Kommunismus geherrscht haben soll, wirkt absurd angesichts der überdimensionalen Leuchtreklamen überall an den Wolkenkratzern. Manche Warschauer behaupten, dass dies der schönste Ort der Stadt sei, weil man von hier aus den Kulturpalast nicht sähe. Aber das stimmt nicht. Man muss sich nur umdrehen und nach oben schauen, dann blickt man der hell erleuchteten Spitze des Gebäudes mitten ins Gesicht. Nirgends fühle ich mich dem Palast so nahe wie hier oben.

Wir fahren mit dem Aufzug wieder nach unten und betreten durch eine eher unscheinbare Tür plötzlich den riesigen Kongresssaal, in dem über 3000 Menschen Platz finden. Hier, im Herzen des Palastes, trat alles auf, was Rang und Namen hatte in der Politik- und Kulturszene der letzten 50 Jahre. Über 11000 Veranstaltungen dokumentiert die Chronik des Palastes bis heute. Ella Fitzgerald, Miles Davis, Duke Ellington, Marlene Dietrich, alle waren sie hier, präsentierten ihre Kunst im toten Winkel des kommunistischen Antiwestens. Bisher konnte ich mir nie vorstellen, dass ein Boleslaw Bierut oder ein Edward Gierek auf der gleichen Bühne auftreten konnten wie die Rolling Stones. Und selbst der Papst hielt 1987 eine Messe direkt vor dem Palast.

Der Ort hier ist unheimlich und faszinierend zugleich, weil er in seiner Geschichte zusammenbrachte, was nicht zusammengehörte. Eine Art Spiegel der Zeitgeschichte, von niemandem aufgestellt, in den doch alle hineinsahen. Aber der Spiegel glänzt nicht mehr. Längst haben andere, modernere Bühnen das Rampenlicht auf sich gezogen. Wie überhaupt der kulturelle und politische Glanz von einst dem Kapitalismus auch hier Platz machen musste. Heute kann man die meisten Säle des Kulturpalastes mieten. Für Hochzeiten Neureicher, private Partys, Bühnenshows, Ausstellungen oder Messen. Jeder, der Geld hat, darf sich vom vergangenen Glanz der Prachtsäle blenden lassen, wenigstens für ein paar Stunden.

Ein Hinweisschild zu einer Toilette erinnert mich an eine Szene aus dem polnischen Film „Kontrollierte Gespräche“, in der ein Gast die Spülung zieht und plötzlich der ganze Palast in sich zusammenfällt. Es wäre schade um diesen Palast, an den sich dann doch alle gewöhnt haben. So wie die Pariser an den Eiffelturm. Ohne ihn könnte sich niemand mehr die Stadt vorstellen.

Bevor wir den Palast wieder verlassen, darf ich noch einen Blick in die Kellerräume werfen. Hier, tief unter der Erde, gehört der Palast über dreißig Katzen, die als kleine Heimatarmee das Haus vor Ratten schützen und ihren eigenen kleinen Katzenstaat haben. Nur größer darf er nicht werden, deswegen wurden alle Katzen kastriert. Eine Palastangestellte wurde damit betraut, die Katzen regelmäßig zu versorgen und zu pflegen, abhauen lohnt sich also nicht. Einen Moment lang überlege ich, einen Roman über diesen Katzenstaat im Kulturpalast zu schreiben. „Im Reich der Katzen“ könnte er heißen. Und der Kulturpalast als riesiger Termitenhügel auftauchen, mit den Katzen als Königinnen im Untergrund. Doch das Klingeln des Aufzugs reißt mich aus den Träumen.

Ich verlasse den Kulturpalast durch eine schwere Holztür und trete hinaus ins Lichtermeer der Stadt. Den Kulturpalast noch eine Zeitlang im Rücken, verliere ich mich schon bald im Gewusel zwischen den Straßen und Häusern, die mir plötzlich alle so klein und unbedeutend vorkommen. Und auch die Glitzerfassaden der Hochhäuser erscheinen mir als billige amerikanische Imitate im Vergleich zu dem Palast, der trotz aller Konkurrenten in luftigen Höhen mein König geblieben ist. Mein König von Warschau.

Der Autor wird ab September 2007 das Buch in Deutschland vorstellen.

„Das Buch von Matthias Kneip ist ein ausgezeichneter Reisebegleiter durch Polen – poetisch geschrieben, persönlich und objektiv zugleich. Ich muss beschämt bekennen, dass sogar ich durch das Buch viel über mein Land erfahren habe.“ Adam Zagajewski

„Es wird die Zeit kommen, da man nicht mehr nach Mallorca reisen möchte, sondern nach Osten, nach Polen zum Beispiel. Dabei könnte das Buch von Matthias Kneip als nützlicher Cicerone dienen.“ Michael Krüger

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