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Grundsteine im Gepäck


1. Schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Oppeln begebe ich mich zu dem alten Friedhof, um dort zu suchen, was mir seit dem Aufschrei meiner Mutter vor vielen Jahren keine Ruhe mehr gelassen hat: das Grab meiner Urgroßmutter Klara Picke. Obwohl ich es seitdem nicht mehr besucht habe und die oberschlesische Vergangenheit meiner Eltern auch kein Thema mehr zu Hause war, habe ich es in meinem Gedächtnis gepflegt, es als den Ursprung meiner Identität zwischen den Kulturen betrachtet, mich ihm verbunden gefühlt ohne jede Bindung. Nach längerem Suchen finde ich es wieder, unverändert verwahrlost, unter dem traurigen Blick der Jesusfigur ruhend. Auf diesem Friedhof scheint die Uhr nicht zu ticken, der Stein, die Bäume und Sträucher dem Wandel der Zeit nicht zu unterliegen, und die Geschichte einen Bruchteil ihrer Daten zu archivieren, einen Bruchteil ihrer Gestalten zur Ruhe zu legen. Wie auf jedem Friedhof. Nur dass mich ein Bruchteil dieses Bruchteils etwas angeht. Deshalb bin ich hier. Von hier aus will ich losziehen, mir das Land ansehen, seine Leute, seine Städte. Und hierher werde ich die nächsten Jahre immer wieder zurückkehren, als Fixpunkt meiner Pendelbewegung, um Bericht zu erstatten einer fremden Urgroßmutter, die mir nahe steht.

2. In den ersten Stunden unserer Reise fühlte ich mich nur als Chauffeur zweier Generationen, die hier in Polen etwas zu erledigen hatten. Die auf der Suche waren nach etwas, das sie verloren hatten. Etwas, was ich nicht finden konnte, weil es mir fremd war, in keiner Beziehung zu mir stand. Ich suchte den Weg nach Greboschowitz so, wie ich jeden Weg zu einem beliebigen Ziel gesucht hätte, mit Ortsverzeichnis, Landkarte und einem Stift, mit dem ich mir die Abzweigungen notierte. Doch obwohl die Orte so klein und unbedeutend waren, erschienen sie mir auf der Karte besonders hervorgehoben, als stünden sie im Zentrum der Orte um sie herum. Ich reichte ihnen in Gedanken die Hand, als ob ich meinen Besuch ankündigen, "Hallo" sagen wollte, "meine Großmutter stammt von hier". So fremd mir alles auch war, meine Geschichte holte mich ein mit jedem Meter Fahrt.

3. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich selber verlegen zu lächeln angefangen habe, wenn ich jemandem erzählte, dass ich im Urlaub nach Polen fahre. Ich hatte keine Lust mehr, etwas zu erklären, mich rechtfertigen zu müssen, warum und weshalb nicht nach Italien oder Spanien. Nur einmal, einmal lächelte ich nicht, sondern nannte das Ziel meiner Reise ganz normal, lässig, ernsthaft. So, als ob ich Südfrankreich oder Amerika sagen würde. Bei jener Reise in die Masuren. Masuren! - da fingen die Augen bei den Kollegen an zu leuchten, denn in die Masuren, da wollten sie alle schon mal hin. Hin zu den Seen, über die Störche noch in Schwärmen fliegen, wo es ruhig ist, romantisch und idyllisch. Dass die Masuren in Polen liegen, spielte plötzlich keine Rolle mehr, schließlich waren die Masuren ganz was anderes.

Wir Kinder

Wir Kinder hören nicht zu
wenn die Alten uns Geschichten
aus ihrem Leben erzählen

ja, ihr Omas und Opas
damals war damals
heute ist heute
versteht uns doch

erst wenn sie nicht mehr erzählen
und wir keine Kinder mehr sind
kommen wir mit unseren Fragen
an ihre Gräber


Mahnmal im Warschauer Getto

wo Kinder mit Hunden
Ball spielen
ihre Fahrräder vorsichtig
an das Denkmal lehnen
wo alte Frauen
auf Bänken sitzen
und nichts tun
nur die Hände
in den Schoß legen
Erinnerungen stricken
wo das Shalom des Postkartenverkäufers
ungehört bleibt
weil Kunden fehlen
dort
wo Friede eingekehrt ist
und Gras wächst
über Schuld
wird der Park
zum Deckweiß
schwarzer Geschichte

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